Transit Uri
     
 
Gedanken des Autors

Meine beiden letzten Filme ("Spuren der Trauer" und "Hinterland- eine Vater/Sohn-Geschichte") erkundeten familiäre Verhältnisse, Erfahrungen und Strukturen. Waren sie geprägt von Themen, die unmittelbar aus meiner eigenen Erfahrung schöpften, nähere ich mich mit "Transit Uri" einem Stoff von aussen an. Ich nehme mit diesem Film eine andere Spur meiner Erfahrung wieder auf: die des engagierten, politischen Dokumentarfilms. Ich wollte keinen neutralen, rein beobachtenden Film realisieren, sondern meine subjektive Sicht, meine persönliche Haltung sollten einfliessen. Unter diesem Blickwinkel ist "Transit Uri" ein Versuch einer Synthese zwischen dem Persönlichen und dem Politischen.

 
Im Gegensatz zu den Filmen der späten 70er-Jahre und zu Beginn der Achzigerjahre ist für mich heute nicht mehr eindeutig klar, wo gut und böse sitzt. Einfache Einteilungen der Welt genügen mir nicht mehr. Gefühle der Ambivalenz gegenüber solch komplexen Fragen wie der Mobilität (oder auch der NEAT) erschweren mir, eine simple Haltung einzunehmen. Diese persönliche Erfahrung widerspiegelt viel weitergehende, gesellschaftliche Erlebensweisen. Es fällt schwer, einfache Reduktionen vorzunehmen. Damit meine ich aber nicht Haltungslosigkeit, Beliebigkeit oder Ausgewogenheit, sondern das Zulassen eigener Widersprüche.

Niemand weiss, wo es hingehen soll, sagt Alois Imholz, der Bauer im Film. Für mich ein Ausdruck davon, dass uns die sogenannten
 
Sachzwänge bestimmen, dass gesellschaftliche und ökonomische Mechanismen wirken, die stärker sind als die freie politische Entscheidungsmöglichkeit. Wenn viele Urner ein Ausgeliefertsein empfinden, ist das für mich symptomatisch für unsere Zeit. Darum ist "Transit Uri" auch nicht ein Film, der primär über die aktuell sich artikulierende Opposition der Urner berichtet, sondern ein Film über Gefühle der Ohnmacht, hinter denen sich ein "Sich-bedroht-fühlen" verbirgt. Ich glaube, "Transit Uri" wurde fast unmerklich zum Seismographen unserer Zeit, in der das Wissen um die Probleme nicht zu Handlungsänderungen führt.

Dieter Gränicher 1993