Das Gehörlosendorf

Dokumentarfilm, Schweiz 2012, 79 und 52 Minuten

Eine Reise in die Welt gehörloser Jugendlicher und Erwachsener, ein Porträt einer aussergewöhnlichen Gemeinschaft, eine Begegnung mit Menschen, deren Ausdruckskraft berührt.

Inhalt

Gehörlose sind nicht stumm. Sie reden und sind Meister im Lippenlesen. Untereinander sprechen sie jedoch eine andere Sprache: Finger, Hände, Arme formulieren Worte und Sätze, die Mimik unterstreicht die Botschaft, Blicke und Berührungen schlagen den Bogen zum Gegenüber. Wer mit Gebärden kommuniziert, bringt sich auf sehr direkte Weise ein. Das prägt das Zusammenleben.

Der Dokumentarfilmer Dieter Gränicher macht sich im Frühling 2011 auf, die Welt der Gehörlosen zu erkunden. Einen Monat lang lebt er in einer Institution im Zürcher Oberland, in der Gemeinschaft des Gehörlosendorfes in Turbenthal. Arbeit, Wohnen, Freizeit – die Strukturen sind klar definiert. Aber es gibt viel Raum für individuelle Entwicklung sowie ein unterstützendes Netz von Betreuerinnen und Betreuern. Dieter Gränicher begleitet die häufig mehrfach behinderten, zum Teil auch psychisch kranken Bewohnerinnen und Bewohner in ihrem Alltag – als aufmerksamer, mit zunehmender Vertrautheit immer näher rückender Beobachter. Er begegnet Momenten von grosser Unmittelbarkeit: Freude und Nachdenklichkeit, Streit und Flirt, Ausgelassenheit und Versunkenheit.

Der sehr persönlich gehaltene Film schildert die Differenziertheit und Lebendigkeit der Gebärdensprache. Er porträtiert eine Gemeinschaft von Menschen, welche ihre behinderungsbedingten Grenzen immer wieder mit grosser Ausdruckskraft überwinden und das Gegenüber berühren.

Zitate

Unter den Bewohnern entstehen Beziehungen in einem kleinen, engen Kreis. Ich komme von aussen dazu, ich kann sie mehr fördern und Farbe in ihr Leben geben. Ich kann die Gemeinschaft lebendiger machen. Da ich selber auch gehörlos bin, beobachte ich die Menschen hier aufmerksam. Ich versuche, ihre Gefühle besser zu verstehen und sie aufzumuntern. So bin ich! Ich liebe es, starken Kontakt zu haben!

Andreas Blaser, Betreuer, gehörlos

Mir gefällt es, mit der Erde schöne Sachen zu machen: Der Geruch, die Verschiedenartigkeit der Dinge, das Feine, auch das Harte und die Vielfältigkeit. Wenn alles wächst und gross wird, wunderbar ist und aufgeht und in verschiedensten Farben alles blüht, dann ist es herrlich!

Larissa Perrenoud, Gärtnerin, gehörlos

Als ich nach meinem Zusammenbruch hier im Gehörlosendorf begann, arbeitete ich zuerst in der Montage. Die ersten 3, 4 Monate begann ich langsam und fing später wieder als Schreiner zu arbeiten an. Bis jetzt geht es sehr gut. Das Problem ist aber der Kontakt. Da stehe ich immer an. Auch mit den Hörenden ist es schwierig. Ich muss mich immer durchkämpfen! Es ist immer ein Lebenskampf!

Heinz Lörtscher, Schreiner, gehörlos

Seit ich mit Gehörlosen arbeite, ist mir klar geworden, wie viel ich nebenher aufnehme, ohne dass ich es bewusst mache. Ich merkte, dass ein gehörloser Mensch darauf angewiesen ist, sich alles direkt zu holen. Er muss jemanden anschauen. Er bekommt nicht einfach so mit, was gesprochen wird. Er ist sehr auf direkte Kommunikation angewiesen.

Patricia Remitschka, Betreuerin, hörend

Gedanken des Autors

Vor zwei Jahren reifte in mir der Entschluss, einen Film über das Gehörlosendorf zu drehen. Ich hatte schon mehrere Male in Institutionen gedreht: Wie leben Menschen, die trotz einer starken Beeinträchtigung ihren Weg finden müssen? Welche Lebensqualität können sie für sich entdecken? Diese Fragen beschäftigten mich immer wieder. Neu waren für mich die Gehörlosigkeit und die Gebärdensprache. Ohne tiefere Kenntnisse davon zu haben, war ich immer fasziniert, wenn ich Gehörlose miteinander im Alltag „sprechen“ sah.

Ich beschloss, einen ganzen Monat mit der Kamera im Gehörlosendorf zu leben. Ich hatte eine eigene Wohnung im Areal und sehr zu ihrem Erstaunen sahen die Bewohner mich Filmer deshalb zu jeder Tageszeit. Dies trug dazu bei, dass die Bewohner Vertrauen zu mir fassten. Ich meinerseits erlebte tagtäglich die Bewohner in ihrer direkten, körperlichen und emotionalen Art. Beziehungen entstanden, obwohl wir kaum miteinander sprechen konnten. Viele der wichtigsten Aufnahmen drehte ich deshalb erst in der letzten Woche, als ich mich mit grosser Selbstverständlichkeit im Gehörlosendorf bewegen konnte.

Ich entschied mich, nie ausserhalb des Areals zu drehen, sondern mich vollständig auf das Leben innerhalb des Gehörlosendorfs zu beschränkten. Das Thema der Gemeinschaft seiner Bewohner mit ihren zusätzlichen Behinderungen ist komplex genug. Ich wollte keine Einzelporträts gestalten, sondern durch die Anlage des Films die Gemeinschaft und ihre Vielfalt herausarbeiten. Natürlich wählte ich zwei Hauptpersonen und wichtige Nebenfiguren aus, doch der Film insgesamt ergibt ein Gesamtbild. Leitlinie waren für mich die grossen Gemälde der frühen Meister, die komplexe Szenen in einem einzelnen Bild vereinen. Als Betrachter steht man vor dem Ganzen, taucht aber mit dem Auge immer wieder in einzelne Details ein, um dann einen Schritt weiter zu einem nächsten Motiv zu gelangen. Eine spezielle Mischung aus Gesamtüberblick und starken Einzelheiten.

Ich merkte bald, dass ich beim Filmen von gebärdenden Gehörlosen nicht zu nahe heran gehen durfte. Damit hätte ich ihre (Gebärden-)Sprache herausquadriert. Das, was nicht im Bild sichtbar ist, kann auch nicht verstanden werden. Diese Eigenart beim Filmen von gebärdenden Gehörlosen führte zu einer ruhigen und beobachtenden Distanz gegenüber den Protagonisten, die ihnen in ihrem körperlichen Ausdruck Raum lässt.

Ich selber bin der Gebärdensprache nicht mächtig und hatte auch nicht den Anspruch, sie verstehen zu lernen. Da ich mehrheitlich ohne eine Dolmetscherin drehte, wusste ich im Moment jeweils nicht, was die Gehörlosen miteinander sprachen. Eine spezielle Form des Blindflugs, die mich manchmal verunsicherte. Sie zwang mich dazu, ganz den Emotionen der Protagonisten zu folgen. Erst im Prozess der Montage zog ich Übersetzerinnen bei und erfuhr, worüber in meinen gefilmten Szenen gesprochen wurde. Es zeigte sich, dass ich weitgehend richtig gehandelt hatte. Eine Erfahrung, die mich stark bewegte und mir einmal mehr – und sehr deutlich – klar machte, dass die Kommunikation unter Menschen viel mehr umfasst als die reine Vermittlung von Inhalten.

Mitarbeiter

Buch, Regie, Kamera, Montage und Produktion
Dieter Gränicher
Dramaturgie
Kaspar Kasics
Musik, Tonschnitt und Mischung
Florian Eidenbenz
2. Kamera
Hansueli Schenkel
2. Ton
Dieter Meyer
Übersetzung Gebärdensprache
Katharina Wüthrich, Janine Criblez, Cibylle Hagen, Inge Scheiber, Renato Pesavento
Sprecher (nur Fernsehfassung)
Alexander Tschernek
Musik Tanzstunde
Ricardo Benitez
Grafik
Thomas Gränicher, digital work
Lichtbestimmung
Milivoj Ivkovic, Andromeda Film AG
Tonstudio
Magnetix AG

Produktionsangaben

Originalversion Kino
DCP, Farbe, 16:9, Dolby 5.1, 79 Min.
Originalversion Fernsehen
HDCAM SR, Farbe, 16:9, Stereo, 52 Min.
Sprache
Gebärdensprache und Deutsch
Untertitel
Deutsch, Englisch und Französisch (nur Kinoversion)
Finanzielle Unterstützung
IWS-Fonds der Stiftung Schloss Turbenthal, Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft, Migros-Kulturprozent, Ernst Göhner Stiftung, Max Bircher Stiftung, Schweizerischer Gehörlosenbund SGB-FSS, Familien-Vontobel-Stiftung, Gemeinde Küsnacht, Gemeinde Erlenbach, Stiftung procom, EHW-Stiftung, Alexis Victor Thalberg-Stiftung, Katholische Behindertenseelsorge des Kantons Zürich, Succès passage antenne
Produktion und Weltrechte
momenta film GmbH, Schweiz 2012
In Koproduktion mit
Schweizer Fernsehen SRF und 3sat
Barbara Riesen, Rajan Autze und Urs Augstburger