Transit Uri

Dokumentarfilm, Schweiz 1993, 77 Minuten

Das Grossprojekt der NEAT (Neue Eisenbahn-Alpentransversale) war für mich Anlass, über grundsätzliche Fragen der Mobilität filmisch nachzudenken. Die speziellen Erfahrungen der Urner Bevölkerung mit den Auswirkungen des Transitverkehrs erzählen über das Verhältnis einer kleinen Region in den Alpen zu dem wachsenden, grossräumigen Gebilde «Europa». Ein Film, der Halt macht, wo wir sonst vorbeifahren.

Inhalt

Immer mehr und immer weiter reisen die Menschen, immer mehr Güter werden hin und her verschoben. Scheinbar unaufhaltsam, stetig wachsend...

Einer der schnellsten Wege durch die Alpen führt über den St. Gotthard, diesen Mythos der Urschweiz. "Europa" fährt vorbei, der Kanton Uri ist Durchgangsland. Die Transitachsen fliessen hier, eingeklemmt durch die steilen Berge, wie durch ein Nadelöhr... Autobahn, Eisenbahn, Strassen.

Schon seit Jahren wehren sich viele Urner... es werde ihnen zuviel: Luft, Landschaft, ihr ganzer Lebensraum seien zu fest belastet. Insbesonders der Schwerverkehr auf der Strasse ist für viele ein Stein des Anstosses.

Das Grossprojekt der NEAT (Neue Eisenbahn-Alpentransversale) verspricht, Verbesserungen zu bringen, den Schwerverkehr von der Strasse auf die Schiene umzulagern. Ein breiter Konsens kann in der Schweiz gefunden werden; die NEAT wird als "Eintrittskarte" für das zukünftige Europa verstanden. Ein richtungsweisender Beitrag in eine umweltschonende Richtung, sagen viele Politiker. Doch das Parlament weigert sich, die Umlagerung von der Strasse auf die Schiene gesetzlich festzulegen. Im Kanton Uri regt sich wiederum Opposition. Viele befürchten bloss eine weitere Verkehrsachse durch ihren Talboden, bloss noch mehr Verkehr...  

Ein persönlicher Blick von mir in diesen Kanton, in seine Landschaften; Gespräche mit Betroffenen, die in diesem Tal leben. Ein essayistischer Film über grundsätzliche Fragen der Mobilität... die Faszination des Mobil-Seins versus der Zerstörung des Lebensraumes, Hast und Gemächlichkeit, "Am-Ort-Sein" und flüchtige Vorbeifahrten...  Filmaufnahmen von der Mitte der dreissiger Jahre des Urner Jonas Bühler geben Einblick in das Früher, erzählen davon, was ihn damals filmisch faszinierte. Was geht verloren, wenn wir fortschreiten, wenn wir alle unsere Bemühungen auf die Entwicklung der Mobilität richten? - Ein Bahnprojekt wie die NEAT macht die Ambivalenz zwischen dem Wunsch nach der Erhaltung des Lebensraumes und dem Zwang zur Optimierung und Rationalisierung, zur Erhöhung der Geschwindigkeit spürbar. Sind die Alpen nur noch ein Hindernis für den ungebremsten Austausch von Gütern und Menschen?

Ein Urner sagte mir, die stetig wachsende Mobilität sei wie eine Sucht: man könne nicht anders, obwohl man wisse, dass es schädlich sei. Gefühle des Ausgeliefertseins, der Ohnmacht, der Hilflosigkeit empfinden viele im Urnerland, wenn man genauer hinhört. Was zählen schon 34000 Urner angesichts der grossen europäischen Verkehrsplanung?

Gedanken des Autors

Bis vor zwei Jahren habe ich den Kanton Uri nicht besser gekannt als wahrscheinlich jeder durchschnittliche andere Schweizer. In meiner Schulzeit hörte ich von der Teufelssage und von den Kehrtunnels der Eisenbahn bei Wassen mit seinem Kirchlein. In meiner Erinnerung setzten sich abenteuerliche Reisen über den Gotthardpass fest - kindliche Wahrnehmung dieser steinigen Bergwelt. Später kamen ideologische Schattierungen hinzu: der St. Gotthard als Metapher für eine wehrhafte Schweiz, für die Insel-Mentalität. Doch vor allem erlebte ich den Kanton Uri als Durchfahrtsgebiet auf dem Weg in den Süden.

Meine beiden letzten Filme ("Spuren der Trauer" und "Hinterland- eine Vater/Sohn-Geschichte") erkundeten familiäre Verhältnisse, Erfahrungen und Strukturen. Waren sie geprägt von Themen, die unmittelbar aus meiner eigenen Erfahrung schöpften, nähere ich mich mit "Transit Uri" einem Stoff von aussen an. Ich nehme mit diesem Film eine andere Spur meiner Erfahrung wieder auf: die des engagierten, politischen Dokumentarfilms. Ich wollte keinen neutralen, rein beobachtenden Film realisieren, sondern meine subjektive Sicht, meine persönliche Haltung sollten einfliessen.  Unter diesem Blickwinkel ist "Transit Uri" ein Versuch einer Synthese zwischen dem Persönlichen und dem Politischen.

Im Gegensatz zu den Filmen der späten 70er-Jahre und zu Beginn der Achzigerjahre ist für mich heute nicht mehr eindeutig klar, wo gut und böse sitzt. Einfache Einteilungen der Welt genügen mir nicht mehr. Gefühle der Ambivalenz gegenüber solch komplexen Fragen wie der Mobilität (oder auch der NEAT) erschweren mir, eine simple Haltung einzunehmen. Diese persönliche Erfahrung widerspiegelt viel weitergehende, gesellschaftliche Erlebensweisen. Es fällt schwer, einfache Reduktionen vorzunehmen. Damit meine ich aber nicht Haltungslosigkeit, Beliebigkeit oder Ausgewogenheit, sondern das Zulassen eigener Widersprüche.

Niemand weiss, wo es hingehen soll, sagt Alois Imholz, der Bauer im Film. Für mich ein Ausdruck davon, dass uns die sogenannten Sachzwänge bestimmen, dass gesellschaftliche und ökonomische Mechanismen wirken, die stärker sind als die freie politische Entscheidungsmöglichkeit. Wenn viele Urner ein Ausgeliefertsein empfinden, ist das für mich symptomatisch für unsere Zeit. Darum ist "Transit Uri" auch nicht ein Film, der primär über die aktuell sich artikulierende Opposition der Urner berichtet, sondern ein Film über Gefühle der Ohnmacht, hinter denen sich ein "Sich-bedroht-fühlen" verbirgt.  Ich glaube, "Transit Uri" wurde fast unmerklich zum Seismographen unserer Zeit, in der das Wissen um die Probleme nicht zu Handlungsänderungen führt.

Mitarbeiter

Buch, Regie, Montage und Produktion
Dieter Gränicher
Kamera
Peter Liechti
Thomas Krempke, Dieter Gränicher
Ton
Martin Witz
Dieter Lengacher
Beratung Recherche
Alf Arnold
Text Sage
Sigi Arnold
SprecherIn
Margrith Winter und Hanspeter Müller
Musik
Ruth Bieri
Tonschnitt
Pius Morger
Mischung
Dieter Lengacher

Produktionsangaben

Originalversion
16mm, Farbe und s/w, 4:3, Stereo, 77 Minuten
Sprache
Schweizerdeutsch und Deutsch
Version
Französische Untertitel
Finanzielle Unterstützung
Bundesamt für Kultur, Stadt und Kanton Zürich, Aargauer Kuratorium, Kanton Uri, Migros-Genossenschafts-Bund, Filmförderung der evangelisch-reformierten Kirchen der deutschen Schweiz, Schweizer Heimatschutz, Otto Gamma-Stiftung, Emil und Rosa Richterich-Beck Stiftung
Produktion und Weltrechte
momenta film GmbH
In Koproduktion mit
Schweizer Fernsehen SRF
Erwin Koller und Paul Riniker